In den neuesten Entwicklungen der Prozessorientierten Psychologie zeigt Arnold Mindell auf, wie Verbindungen zum Traumzeitkonzept der Aborigines und Erkenntnisse der Quantenphysik neue Wege im Umgang mit Körpersymptomen (Psychosomatik) eröffnen.

Bereits in den 1970er-Jahren entdeckte Mindell, dass sich das Unbewusste nicht nur – wie bis dahin bekannt – vor allem durch Nachtträume ausdrückt, sondern u. a. auch durch Veränderungen unseres körperlichen Empfindens. 

Körperliche Missempfindungen oder gar belastende, schmerzliche Symptome versetzen uns - ähnlich wie bedrohliche oder verwirrende Träume – in einen veränderten Bewusstseinszustand. Wir fühlen uns in unserem gewohnten Erleben, in unserer Identität – emotional, mental, physisch - gestört, eingeschränkt oder gar bedroht. Unsere übliche und allzu menschliche Reaktion ist, alles daran zu setzen, sich dieser „Störung“ so schnell wie möglich zu entledigen.

Heilung wird in diesem Sinne als die Wiederherstellung des vertrauten körperlichen Zustandes verstanden. Spätestens dort, wo medizinische oder alternative, naturheilkundliche Methoden allein nicht den gewünschten oder dauerhaften Erfolg bringen, wird deutlich, dass unser Körper mehr ist als eine hochkomplexe Maschine, es andere Herangehensweisen braucht und Heilung mehr umfasst als das Wiederherstellen eines bekannten und vertrauten psycho-physischen Erlebens.

Als Menschen sind wir ineinen sich ständig weiterentwickelnden Bewusstseinsstrom eingebettet und – als einer unserer wesentlichen Merkmale – auch in der Lage, ihn bewusst wahrzunehmen und über ihn zu reflektieren. Wie Pioniere der Traumforschung bereits im letzten Jahrhundert gezeigt haben, können uns Träume Einblicke in unsere momentane Bewusstseinslage, unsere Begrenzungen und auch Einblicke in im Begriff befindliche Entwicklungen geben. Träume verhalten sich komplementär zu unserer momentanen Bewusstseinslage. Sie sind stets persönlicher, aber immer auch in unterschiedlichem Maße familiärer, kollektiver und manchmal auch transpersonaler Natur. Sie berühren nicht selten Vergangenes und enthüllen oft auch Zukünftiges, in Entwicklung Befindliches.

Ähnlich wie Träume können auch Körpersymptome ein Schlüssel zu größerer Bewusstheit von uns selbst sein. Wie bei der Arbeit mit einem Albtraum können wir Körpersymptome aus einer Bewusstseinsperspektive als einen Prozess von zwei oder mehreren mit einander im Konflikt stehenden Energien betrachten. Nicht der störende Prozess im Körpersymptom, sondern die ihm gegenüber stehende und ausgrenzende, rigide, abwehrende und nicht interessierte Haltung unseres Ichs stellt jedoch das eigentliche Problem dar.

Kopf 250x333Wenn es uns gelingt, dem störenden, mitunter schmerzlichen oder gar lebensbedrohlichen Prozess im Symptom mit Neugier zu begegnen, um das Potenzial und die Botschaft im Symptom zutage zu fördern, können wir zwischen beiden Seiten eine neue Beziehung herstellen. Statt einen inneren Kampf gegen unsere Symptome zu führen, erweitert sich unsere Einstellung und gegenüber dem „Anderen in uns“. Wir entwickeln mehr innere Vielfalt und möglicherweise auch eine andere Einstellung und Beziehung gegenüber unseren Symptomen, vor allem auch in Fällen, in denen es nicht um körperliche, sondern um Heilung in einem größeren Zusammenhang geht. Jedoch können wir aber auch immer wieder beobachten, wie ein solches Prozessieren von Symptomen unseren Körper als Träger der Information entlastet und sich in Folge eine Linderung der Symptome, eine Zunahme an Lebensqualität und Authentizität einstellt. Und wiederum müssen wir in anderen Fällen oder Phasen zugleich auch alles mögliche andere tun, um gegen Symptome zu kämpfen.

Kurz und vereinfacht gesagt, „ist man nur vom biomedizinischen Standpunkt krank. Von einem anderen Standpunkt aus betrachtet hat man große Träume in seinem Körper und kann sich in – gewisser Hinsicht – glücklich schätzen, eindringliche Botschaften von der Kraft der Stille zu empfangen (Mindell, Arnold, 2006).“

Daraus folgt, dass wir unser Konzept der Medizin in einen multidimensionalen Ansatz erweitern müssen. Darin sollten die unterschiedlichsten Bewusstseinsebenen und die mit ihnen verbundenen Erfahrungen berücksichtigt werden. Sowohl Ansätze der klassischen Medizin mit aller Diagnostik, medikamentöser und apparativer Behandlung als auch alternative medizinische, psychologische und spirituelle Verfahren, die mit subjektiver Erfahrung, Traumprozessen und allen Ebenen des Bewusstseins arbeiten, sollten dabei zum Tragen kommen (Idee der Regenbogenmedizin, "vielfarbige Medizin").

Abschließend gesagt, sind Körpersymptome nicht nur ein medizinisches Problem, sondern immer auch ein Bewusstseinsprozess. Die prozessorientierte Arbeit an Körpersymptomen ist somit stets persönlich und zugleich Beziehungs-, familiäre, kollektive und letztlich politische Arbeit.

Weitere Videos über Prozessarbeit mit Körpersymptomen (auf englisch):

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Literatur:

  • Quantengeist und HeilungMindell, Arnold (2006). Quantengeist und Heilung. Auf seine Körpersymptome hören und darauf antworten. Petersberg: Verlag Via Nova.

 

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