Traeumende Frau webIn alten Kulturen galt der Traum als eine Offenbarungsform der Götter. Der Traum und seine Deutung gehören mit zu den ältesten Formen gelebter Spiritualität. Die Menschheitsentwicklung der letzten Jahrhunderte – besonders im Westen – hat den Traum und seine Ursprünge jedoch zu Gunsten der Entwicklung und Betonung der Persönlichkeit, moderner empirischer Wissenschaft und vielem anderen aus dem Zentrum an den Rand unserer Aufmerksamkeit und Bedeutung gedrängt.

Das Abgeschnittensein von seinen Nachtträumen und dem Unbewussten als dem träumenden Hintergrund unserer Alltagsrealität steht jedoch in engem Zusammenhang mit einer weit verbreiteten Form milder Depression. Psychoanalytische und tiefenpsychologische Theorien und Methoden haben dem Traum erneut zu Bedeutung verholfen. Die in diesen Ansätzen verwendeten persönlichen und vor allem die kollektiven Assoziationen zu Traumbildern erfordern jedoch nicht selten ein großes Wissen und betonen Intellekt und Expertentum.

Diese und weitere Umstände wie auch unsere allgemeine Einstellung zu Träumen führen leicht dazu, ihnen wenig Aufmerksamkeit zu schenken, so dass sie schnell vergessen sind, wenn sie sich nicht durch wiederholte Träume, starke Eindrücke oder erschreckende Szenarien bemerkbar machen.

Auch Menschen, die meinen, nicht zu träumen oder sich nicht an ihre Träume erinnern können, stehen Zugänge zum „kreativen Urgrund unseres Unbewussten" zur Verfügung. Arnold Mindell entdeckte bereits vor über 30 Jahren, als er psychotherapeutisch mit Körpersymptomen von Klienten arbeitete, dass Körpersymptome neben der medizinischen Dimension immer auch ein Ausdruck von Bewusstseinsprozessen sind, die sich sowohl im Symptom als auch im Nachttraum offenbaren bzw. spiegeln können. Das diesen Zusammenhängen zugrunde liegende Phänomen umschrieb Mindell mit dem Begriff "Traumkörper". Dies war der Beginn einer Weiterentwicklung Jungscher Psychologie, die er damals Traumkörperarbeit nannte. Weiteres intensives Forschen und Arbeiten führten zur Konzeption einer komplexen Theorie und Methode, die unter dem Namen Prozessorientierte Psychologie oder auch kurz Prozessarbeit bekannt ist.

Sie stellt nicht nur eine therapeutische Methode, sondern im weitesten Sinne eine psychologische und spirituelle Praxis der individuellen wie auch kollektiven Bewusstseinsentwicklung dar. Dieser neue Ansatz erweiterte das Spektrum möglicher Zugänge zu Nachtträumen durch sinnes- und damit erfahrungsorientierte Methoden. Neben den eher bekannten visuellen und auditiven individuellen und kollektiven Assoziationen erforschte er Nachtträume, indem er fremden, unerwarteten oder auch störenden Körpersensationen, Bewegungen, Beziehungen und anderen Erfahrungen folgte.

Das bedeutete, das Bekannte zu verlassen und sich in veränderte fremde Bewusstseinszustände hineinzubewegen und an den Grenzen des Alltagsbewusstseins Neues zu entdecken. Der Ansatz, Träume mit Hilfe erweiterter Bewusstseinszustände zu verstehen, schafft nicht nur Möglichkeiten eines unmittelbaren eigenen Verstehens und Erfahrens des Traumes, sondern zeigt auch, wie das TRÄUMEN im Hier und Jetzt geschieht und dass Träume ein Zugang zum TRÄUMEN, dem tiefsten schöpferischen Urgrund, sein können.

Mindell schuf damit nicht nur eine Erweiterung möglicher Herangehensweisen an Träume, sondern zeigte auch, dass sich das Unbewusste über viele mögliche Phänomene und Wahrnehmungskanäle ausdrückt und dass diese genutzt werden können, sich selbst besser zu verstehen, in einen tieferen Kontakt mit sich selbst und seinem Gegenüber zu kommen, kreative Lösungen für komplexe Probleme zu finden und das Leben zu bereichern.

Mit der Formulierung und Beschreibung der Essenz-Ebene, einer nicht-dualen, spirituellen Wirklichkeit unserer Existenz, fügte Mindell der psychologischen Traumdeutung eine Dimension der spirituellen Traumarbeit hinzu. Während die psychologische Traumdeutung auf eine bessere Anpassung der Persönlichkeit an den Alltag fokussiert, geht es in der spirituellen Traumdeutung um eine Schulung des Bewusstseins und ein waches Leben in der Welt des Träumens, in der alles mit allem verbunden ist.

Literatur:

  • Mindell, Arnold (2002). 24 Stunden luzid träumen. Techniken, um den nichtdualistischen, träumenden Hintergrund der Alltagsrealität wahrzunehmen.
  • Mindell, Arnold (2003). Seine Träume deuten lernen. Träume mit Hilfe erweiterter Bewusstseinszustände verstehen. Petersberg: Verlag Via Nova.

 

Bildreferenz: Livia Medri-Schmidt - http://www.liviamedri.com

 

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